|
Bei der dritten Halbzeit des Fußballspiels FCA-Kaiserslautern spielt auch die Polizei mit

Für die Anhänger des FC Augsburg gab es während der
ersten Zweitligasaison nach 23 Jahren in den Niederungen von
Bayern- und Regionalliga viel Grund zur Freude. Das Team
wusste spielerisch zu überzeugen und konnte sich am Ende
verdient in der oberen Tabellenhälfte festsetzen. Über 285.000
Zuschauer besuchten die 17 Heimspiele.
Über 23.000 zahlende Gäste kommen auch am
Sonntag, den 29. April, in die Rosenau. Am 31. Spieltag trifft
Augsburg um 14 Uhr auf den 1. FC Kaiserslautern. Vor dem
Spiel verteilen Vorstandsmitglieder und Spieler vor dem
Gästeblock 2.500 Fahnen an die mitgereisten Fans aus der Pfalz
– als Dank für deren Unterstützung während der Saison.
Während des Spiels verwandeln die FCK-Fans ihren Block
in ein rot-weißes Fahnenmeer. Es ist ein ansehnlicher Kick,
den der FCA mit 3:2 für sich entscheidet.
Sportlich ist der sonnige Nachmittag für beide Mannschaften
beinahe bedeutungslos. Für viele Besucher des Rosenaustadions
ist er jedoch bis heute in lebendiger Erinnerung
geblieben. Und dafür sind weder die tolle Stimmung im Stadion,
noch die gastfreundlichen Augsburger Anhänger verantwortlich.
Von einem „unverhältnismäßigen und überzogenen
Einsatz der Polizei und des Ordnungsdienstes“ wird
der Gastverein später in einer Pressemitteilung sprechen.
Aber der Reihe nach: Es ist 16 Uhr. Etwa 3000 Gästefans
zwängen sich traurig über die schmale Treppe hinter dem Block
in Richtung des einzigen Ausgangs. Zahlreiche Ordner des FC
Augsburg, grün gekleidete Beamte der Augsburger Polizei sowie
die bayerische Polizei-Sondereinheit Unterstützungskommando
(USK) aus Dachau in schwerer, schwarzer Kampfausrüstung
sollen einen geordneten Abzug der Fans gewährleisten.
Der Auslöser für die teils heftigen Auseinandersetzungen
zwischen Polizei und Gästefans lässt sich nicht zweifelsfrei
rekonstruieren. Möglicherweise ist es ein Plastikbecher, den
ein aufgebrachter Fan in Richtung der Polizisten schleudert.
Der Becherwerfer jedenfalls wird verhaftet, wie das Internet-
Fußballmagazin „Der-Betze-brennt.de“ unter Berufung
auf „übereinstimmende Augenzeugenberichte“ in seinem
Beitrag „Augsburg: Polizeigewalt gegen FCK-Fans“ vom
30. April berichtet. „Nicht nachvollziehbar“ indes, heißt es
dort weiter, sei „für viele umstehende Fans“ die Behandlung
des Festgenommen gewesen, „der von gleich mehreren
Beamten des schwarz gekleideten ‚Unterstützungskommandos’
(USK) mit Schlagstöcken niedergestreckt wurde“.
Es kommt zu einem kurzen Gerangel zwischen der Polizei
und einigen Fans, die dem Mann zur Hilfe eilen wollen.
Der Polizei gelingt es, die Fans zurückzudrängen. Zu
diesem Zeitpunkt seien „die Fronten geklärt“ und wieder
„alles ruhig“ gewesen, beschreibt Augenzeuge Christian Hirsch
(27), Sprecher der Fußball-AG der „Aktion 3.Welt Saar“ und
aktives Mitglied im Bündnis Aktiver Fußball-Fans (BAFF),
die Situation. Es ist die Ruhe vor dem Sturm. Was dann folgt,
schockiert Hirsch bis heute: „Ich bin noch immer total entsetzt,
gerade weil auch Frauen und Kinder in Mitleidenschaft
gezogen wurden.“ Hirsch ist Sozialarbeiter und engagiert sich
mit seinem Bündnis für die Rechte von Fußballfans wie für
eine demokratische Fankultur. Im Juni hat Hirsch am DFB-Fankongress in Leipzig teilgenommen. Auch die „Polizeigewalt
gegen Fußballfans“ habe dort auf der Agenda gestanden.
Die Vorkommnisse in Augsburg sind nach Auffassung Hirschs
ein solcher Fall. Unvermittelt sei die Sondereinheit USK, die
bundesweit bei Demonstrationen und Großveranstaltungen
wie dem G8-Gipfel im Einsatz ist, in die sich langsam zum
Ausgang schiebende Menschenmenge hineingestürmt.
Manfred Gottschalk, Sprecher der Polizeidirektion Augsburg,
bestätigt den Einsatz der „speziell für solche Zwecke
ausgebildeten Beamten des USK“ hinter dem Gästeblock.
Ursache seien Verstöße gegen das Sprengstoffgesetz während
des Spiels gewesen. Es habe keine andere Möglichkeit gegeben,
als den eng mit der Augsburger Polizei abgestimmten
Zugriff gleich im Anschluss an das Spiel vorzunehmen, um
den mutmaßlichen Straftätern habhaft zu werden: „Wir
wollen direkt vor Ort diejenigen rausziehen, die eine Straftat
begangen haben.“ Gesetzlicher Auftrag der Polizei sei es
zu zeigen, „dass wir bei Fehlverhalten entsprechend handeln.
Dieses sofortige Vorgehen hat auch eine präventive Wirkung“,
ist Gottschalk überzeugt. „Zur Eskalation der Situation“ sei
es gekommen, „weil andere sich eingemischt haben“. Das
habe man im Vorfeld nicht erwartet – und ebenso wenig, dass
einige Personen versuchen würden, „gegen die Polizei vorzugehen“.
Solch „falsch verstandene Solidarität während einer
vorläufigen Festnahme ist eine strafbare Handlung, die entsprechend
zu ahnden ist“.
Gottschalk räumt ein, dass dadurch
„auch Leute beeinträchtigt“ worden seien, „die unbeteiligt
sind. Das ist natürlich von uns nicht gewollt.“ Doch habe
man „für den Schutz all derjenigen Zuschauer zu sorgen, die
ins Stadion gehen, weil sie ein Fußballspiel sehen wollen.“
Christian Hirsch ist anderer Auffassung: „Die Gewalt ist
eindeutig von der Polizei ausgegangen. Das USK hat die Lage
eskaliert. Die haben alles weggeknüppelt und mit Pfefferspray
bearbeitet, was nicht niet- und nagelfest war.“ Auch der
Augsburger Politik-Student Marc Picket* (26), der das Spiel im
Gästeblock verfolgt hat, wird in die Tumulte verwickelt. „Ich
wollte einfach nur nach Hause gehen und hätte nie gedacht,
dass ich in sowas hineingeraten könnte.“ Dabei habe „überhaupt
nichts“ auf den plötzlichen Einsatz der Polizei „hingedeutet“.
Aufgrund der Enge hinter dem Gästeblock habe er gar
keine Möglichkeit gehabt, sich in Sicherheit zu bringen – das
„Klohäuschen und der Zaun“ versperren ihm den Weg. So wird
er schließlich „mitgerissen“ und findet sich mit verdrehtem
Knie auf dem Boden wieder. Für das Vorgehen der Polizei hat
er kein Verständnis: „Das USK ist unter Schlagstockeinsatz wie
die Axt im Walde in die Menschenmenge gestürmt, um eineneinzelnen Fan zu verhaften. Wo bleibt da die Verhältnismäßigkeit?“
Eine Frage, die sich auch Kaiserslautern-Vorstand Arndt
Jaworski stellt: „Bei allem Verständnis für ein hartes Durchgreifen
bei Straftaten oder anderweitigen nicht zu tolerierenden
Vergehen, Fußballfans dürfen nicht pauschal kriminalisiert und
ohne ersichtlichen Grund Opfer von Einsätzen übermotivierter
Ordner und Polizeibeamter werden.“ Der Verein stellt in
seiner Pressemeldung klar: „Das harte Einschreiten einiger Polizei-
und Ordnungskräfte mit Hilfe von Schlagstöcken und Pfefferspray,
unter anderem auch gegen völlig unbeteiligte Frauen,
Kinder und körperlich beeinträchtigte Fans geschah ohne ersichtlichen
Grund und sorgte für Entsetzen bei den betroffenen
Fans und den Augenzeugen der Vorfälle.“ Ein Fehlverhalten
der FCK-Anhänger, das einen solchen Einsatz rechtfertigen
könne, habe es zu keinem Zeitpunkt gegeben.
Damit widersprechen
die Pfälzer der Darstellung in der Augsburger Allgemeinen
Zeitung vom 30. April 2007, in welcher zu lesen war,
die „Polizisten und Ordner“ seien „bei einer Festnahme [...]
von Fans angegriffen“ worden.
Die Fans des FC Augsburg haben beim letzten Saisonspiel
ihrerseits ein Zeichen gesetzt und sich mit mehreren Transparenten
gegen als überhart empfundene Polizeimaßnahmen
zur Wehr gesetzt. „Solidarität zu Kaiserslautern und Jena“,
hieß es auf einem der weithin sichtbaren Plakate. „Wir haben
beim Auswärtsspiel in Fürth am eigenen Leib erfahren, was
es heißt, in gewaltsame Auseinandersetzungen mit dem USK
zu geraten“, so Thomas Marzahn, Fanbeauftragter des FCA.
Beim Auswärtsspiel in Franken seien „alle Augsburger vor
dem Gästeblock von der Polizei zusammengehalten“ worden.
„Eine kleine Auseinandersetzung“ zwischen zwei Augsburger
Fans „um ein verschüttetes Bier“ habe dann das USK zum
Anlass genommen, „in die Menge zu preschen und mit Gewalt
gegen die Augsburger vorzugehen – Pfefferspray inklusive,
wobei natürlich auch zahlreiche völlig Unbeteiligte in die
Aktion einbezogen wurden.“ In den Augen Marzahns „ein
vollkommen unangemessenes Vorgehen“, das vier Festnahmen
nach sich gezogen habe. Nicht nur deshalb stehe man jeder
Fanszene „solidarisch gegenüber, die unverschuldet derartige
Einsätze erdulden muss – bei Kaiserslautern natürlich noch
vor dem Hintergrund, dass die Geschehnisse sich in unserem
Stadion abgespielt haben.“ In der zurückliegenden Saison
habe es „einige Heimspiele“ gegeben, „in denen die Polizei
auch körperlich tätig geworden“ sei. Die Polizeieinsätze beurteile
man kritisch, „weil hier doch manchmal an der Verhältnismäßigkeit
gezweifelt werden muss.“ Deshalb bemühe man
sich um einen kritischen Dialog mit der Augsburger Einsatzleitung.
Für eine differenziertere Sichtweise plädiert der FCA-Vorstandsvorsitzende
Walther Seinsch und nimmt die Augsburger
Einsatzkräfte in Schutz. Kritisch sieht aber auch er
das Vorgehen des Sonderkommandos: „Das USK aus Dachau
hat eine andere Motivationslage. Es sollte darüber gesprochen
werden, dass sie sich etwas mehr zurückhalten.“
Seinsch bemängelt ferner die mangelnde Kommunikationsbereitschaft
der Sondereinheit: „Die sind gar nicht ansprechbar.“
Darüber möchte der FCA-Chef auch mit dem
Präsidenten des Bayerischen Fußballverbands sprechen.
Marcs Vertrauen in die Polizei hingegen ist erschüttert.
„Ich gehe nicht oft zum Fußball und man liest ja häufiger in
der Zeitung, dass gewaltbereite Fußballfans die Auseinandersetzungen
mit der Polizei provozieren würden. Ich war als Außenstehender
fest davon überzeugt, das würde schon so stimmen
und jeder Fußballfan sei selbst schuld, wenn er mit der Polizei
aneinander gerät.“ Seine Meinung hat er nun geändert: „Die
Stimmung zwischen den Augsburg- und Kaiserslautern-Anhängern
war die ganze Zeit über total friedlich. Ich habe jetzt
ein mulmiges Gefühl ins Stadion zu gehen, nachdem ich erlebt
habe, wie die USK-Polizisten auf die Fans losgegangen sind.
Vor solchen Polizei-Einsätzen kann sich niemand sicher fühlen
– und wen kann man zur Verantwortung ziehen, wenn einem
dabei wirklich etwas Schlimmeres zustößt?“ Zahlreiche Verletzte
und 14 Festnahmen – die Bilanz eines frühsommerlichen
Nachmittags in der Rosenau. Neben Strafverfahren müssen
alle Festgenommenen mit mehrjährigen bundesweiten
Stadionverboten rechnen.
(* Name von der Redaktion geändert.)
|